Naturfoto-Festival in Lünen 2015

Wie schon in den Jahren zuvor fand auch 2015 am letzten Wochenende im Oktober das Internationale Naturfoto-Festival in Lünen statt. Die GDT (Gesellschaft Deutscher Tierfotografen) ist Veranstalterin des Festivals und hatte auch dieses Jahr wieder namhafte NaturfotografInnen aus dem In- und Ausland mobilisiert. Aussteller bekannter Firmen präsentierten auf dem Fotomarkt alles von der kleinen Fotoschraube bis zum Teleobjektiv. Der Europäische Naturfotograf des Jahres 2015 wurde gekürt und zahlreiche BesucherInnen haben dafür gesorgt, dass die 762 Plätze im Hilpert-Theater wieder (fast) ausverkauft waren.

Das Festival

Bereits zum 11. Mal in Folge besuchten Mathias und ich das Naturfoto-Festival; das Festival selbst fand zum 23. Mal statt und es waren Besucher aus mind. 17 Nationen angereist. Da die Vorträge 2014 im Großen und Ganzen nicht ganz so gut waren wie die Jahre zuvor, freute ich mich umso mehr, dass meine gut informierte Quelle von 2014 nicht zu viel versprochen hatte. Im Vortragsprogramm für 2015 standen tatsächlich einige der damals angekündigten Referenten, auf die ich mich sehr gefreut hatte, wie z.B. Bruno D’Amicis und Klaus Nigge. Andere Namen dagegen hatte ich vorher noch nicht gehört, so dass ich gespannt war, was uns dieses Jahr erwarten würde. In dem folgenden Beitrag möchte ich meine persönlichen Eindrücke und Ansichten mit euch teilen.

Der Freitagabend

Freitagabends fand die Preisverleihung und im Anschluss daran die Ausstellungseröffnung statt. Wie eigentlich jedes Jahr hatten wir es uns auch diesmal wieder fest vorgenommen, bei der Preisverleihung dabei sein – doch es hat wieder nicht geklappt (allerdings waren wir diesmal selbst dran schuld 😉 ). Immerhin kamen wir deutlich vor der Ausstellungseröffnung an und stießen auf dem Parkplatz gleich auf unsere Wochenend-WG-Mitbewohner, Sascha Rösner und Marco Hoffmann, und mit diesen an. Die Eröffnung begann deutlich später als angekündigt, da die Preisverleihung länger dauerte als geplant. Wir nutzten die Zeit für einige Unterhaltungen mit Fotografen, die ebenfalls nicht bei der Preisverleihung waren. Nachdem die Ausstellung eröffnet war, kamen wir – wie immer – nicht dazu, uns die Bilder einmal anzuschauen, weil man ständig auf bekannte Gesichter traf. Da man sich ja oft nur in Lünen sieht, gibt es natürlich immer viel von Reisen und anderen fotografischen Projekten zu erzählen. An diesem Abend haben wir dann auch nur einen kurzen Blick auf alle Bilder und einen etwas längeren auf den Gesamtsieger („Schattenläufer“ von Richard Peters) werfen können. Als bereits fast alle Besucher die Ausstellung verlassen hatten, um in den Restaurants der Stadt zu essen, machten auch wir uns auf den Heimweg, um unseren Hunger zu stillen.

Der Samstagvormittag

Am nächsten Morgen wurde das Festival vom Präsidenten der GDT, Michael Lohmann, eröffnet; die Begrüßung des internationalen Publikums übernahm Florian Möllers. Sehr zur Freude des Publikums wurde, wie schon in so vielen Jahren zuvor, die weitere Moderation des Festivals von Markus Botzek und Florian Möllers übernommen. Es gab dann auch gleich die üblichen Späße. So wies Florian Möllers darauf hin, dass man sein Fotoequipment nicht im Auto lassen sollte. Doch wenn man es nicht dabei habe, was mache man dann überhaupt hier? Markus Botzek fragte, ob denn ein Arzt im Raum sei – es gab einige. Er fragte weiter, ob diese denn Bereitschaft hätten – hatten sie nicht. Dann müssten auch sie, wie alle anderen im Raum, das Handy ausmachen.

Der erste Referent des Festivals war Marc Steichen mit „There and back again – Naturimpressionen von zuhause und unterwegs“. Sein Vortrag bestand hauptsächlich aus musikunterlegten Passagen, zwischen denen er kurz etwas sagte. Nach einer Sequenz mit heimischen Säugetieren wie Wildschwein, Reh, Hirsch, Dachs und Biber folgte eine 10-minütige Passage, die das Überleben von Säugetieren im Winter zeigte. Hier haben mir besonders gut die Moschusochsen-Bilder gefallen. Sehr nett fand ich, dass oft der Originalton eingespielt und kurze Filmsequenzen gezeigt wurden. Sicher wird sich der ein oder andere an die Diskussionen erinnern, die manches Bild von Marc Steichen in der Vergangenheit hervorgerufen hat. Ich erinnere nur an den Glanzlichter All-over Winner 2012 oder seine Dachs-Bilder bei den Glanzlichtern 2013 bzw. beim ENJ 2013. Diese sind durch Doppelbelichtungen entstanden, allerdings aus Einzelbildern, die teilweise an unterschiedlichen Aufnahmeorten gemacht wurden. Auch bei seinem Vortrag waren wieder einige Doppelbelichtungen dabei und bei manchen Bildern fragt man sich, war der Aufnahmeort wirklich so, oder ist das eine Doppelbelichtung. Insgesamt waren es aber gute Bilder und somit ein gelungener Start!

Es folgte der Norweger Roy Mangersnes mit seinem Vortrag „Arktische Odysee“. Bevor er mit seinem Vortrag begann, hat er erst mal ein Handyfoto vom Publikum für sein Facebook-Profil gemacht. Mangersnes ist Naturwissenschaftler, der im März 2009 das erste Mal auf Svalbard war und seitdem 17 Reisen in die Region unternommen hat. Er erzählte Geschichten der arktischen Natur, z.B. von einem Polarfuchs, der in einer Nacht 32 Eiderenteneier holte und trotz dieser hohen Prädation überleben noch genug Eiderenten, um die Population aufrecht zu erhalten, oder von einer Dickschnabellummen-Kolonie mit über 90.000 Individuen. Wale und Walrosse wurden in der Gegend vor langer Zeit ausgerottet, doch langsam kommen sie zurück. Mangersnes erklärte uns, dass die Eisbärenpopulation auf Spitzbergen noch recht groß ist, dass die Bären aber trotz allem schwer zu finden bzw. zu sehen wären. 2013 gab es wenig Eis, so dass er einmal 16 Stunden nach Norden segeln musste, um das Eis und damit die Eisbären zu finden. 2013/2014 kam erschwerend hinzu, dass das Eis spät zurück kehrte. Dies führte zu einigen Fällen von Kannibalismus, was ein Zeichen dafür ist, dass etwas nicht stimmt. 2014/2015 allerdings war ein gutes Jahr für die Eisbären: Es gab viel Nachwuchs und die Bären sind gut genährt. Alle diese Geschichten illustrierte er mit sehr guten Bildern, was mit einem entsprechenden Applaus am Ende des Vortrags honoriert wurde. Doch bevor er seinen Vortrag abschloss, erinnerte er an das Eisbärenweibchen, das im März diesen Jahres auf Spitzbergen erschossen wurde. Dort hatten Touristen campiert, um die Sonnenfinsternis zu beobachten. Obwohl bekannt war, dass sich in der Region ein Eisbär aufhält, hatten die Camper keine Vorkehrungen getroffen, wie z.B. Postieren von Wachen, und waren von dem Eisbär überrascht worden. Den Leichtsinn bzw. die Ignoranz der Camper bezahlte der Eisbär mit seinem Leben. Mangersnes erinnerte daran, dass wir nur Gäste in der Natur sind und uns entsprechend verhalten sollten.

Der Samstagvormittag – Teil 2

Den zweiten Part des Samstagvormittags ließen Sascha und Marco ausfallen. Da wir letztes Jahr jedoch einen sehr guten Vortrag verpasst hatten, wollte ich kein Risiko eingehen und schaute mir zusammen mit Mathias die beiden folgenden Vorträge an. Den Anfang machte David Pattyn mit „Wasservögel der Seen und Marschen – Ein intimer Einblick in ihr Leben“.  Der Nachname ist dem ein oder anderen sicher beim Anschauen der ENJ-Bilder aufgefallen, denn sein Sohn Louis hat in der Kategorie bis 14 Jahre den 2. Platz belegt. David Pattyn gewährte uns einen Einblick in das Leben von Zwergtauchern und Krauskopfpelikanen aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive, nämlich auf Höhe der Wasseroberfläche von einem schwimmenden Tarnzelt aus. Die Zwergtaucher fotografierte er im „Gartenteich“ eines Freundes, den dieser angelegt hatte, um in Holland stark bedrohten Amphibien einen Lebensraum zu bieten. Der Freund war wenig begeistert, dass die Zwergtaucher ihren Nachwuchs mit den im Teich lebenden Molchen und Geburtshelferkröten fütterten. Für die sehr jungen Zwergtaucher waren die Molche zwar noch zu groß, doch irgendwann waren die Vögel so gewachsen, dass sie die Amphibien verschlucken und eines Tages sogar selbst jagen konnten. Dem Freund machte besonders das Füttern mit Geburtshelferkröten schwer zu schaffen, denn diese zog er in „Sicherheit“ heran und setzte sie erst kurz, bevor sich der Schwanz zurückbildet, in den Teich zurück. Und nach diesem ganzen Aufwand kommen die Zwergtaucher und schnappen sich die kleinen Kröten einfach als Futter. Mit seinem aufblasbaren schwimmenden Tarnzelt war Pattyn auch am Kerkini-See. Dort wollte er das natürliche Verhalten der Krauskopfpelikane dokumentieren, weshalb er mit einem Fischer auf den See gefahren ist, der seiner täglichen Arbeit nachging und die Pelikane nicht fütterte. Dabei gelangen ihm auch Bilder der Pelikane im Schnee. Zuguterletzt zeigte er Bilder von Schwarzhals- und Haubentaucher, die mit Musik untermalt waren. Der Vortrag und die Bilder waren sehr gut und zeigten einmal mehr, wie wichtig die richtige Perspektive ist.

Es folgten Theo Bosbooms „Träume von Wildnis“. Bosboom war als Rechtsanwalt tätig, bevor er sich vor zwei Jahren als Fotograf selbstständig machte. Er sagte uns, dass er eine deutsche Frau hat, weshalb ihm keine andere Wahl blieb, als auch seinen Vortrag auf Deutsch zu halten. [Wer mit ihm auf Facebook befreundet ist, konnte lesen, dass er die zweistündige Fahrt nach Lünen noch zum Üben seines Vortrags nutzte ;-)] Lachen über Fehler und sein „komisches Akzent“ seien erlaubt – aber bitte nicht zu laut. Bosboom erzählte, dass in Holland die Naturreservate entweder gar nicht zugänglich seien, da sie umzäunt sind, man sie nur von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang betreten dürfe und, wie in Deutschland auch, auf den Wegen bleiben muss. Hält man sich nicht daran, kann es sein, dass man bis zu 900 Euro Strafe zahlen muss. Aus diesem Grund sei es schwierig „Wildnis“ in Holland zu fotografieren. Doch auch von den Wegen aus können einem gute Bilder gelingen, wenn man etwas mehr Brennweite verwendet. Dabei zeigte er tolle Aufnahmen von Kleinlibellen, die auf Stängeln sitzen bzw. an diesen heranfliegen – alles mit einer perfekten Spiegelung und optimaler Verteilung der Libellen im Bild. Im Herbst fährt Bosboom gerne nach Belgien ins Hohe Venn. Dabei hatte er die Idee, diese Jahreszeit einmal aus einer anderen Perspektive zu fotografieren, nämlich von Unterwasser. Doch ein UW-Gehäuse ist ziemlich kostenintensiv, weshalb er seine Idee erst mal mit einer Kompakten getestet hat. Da er mit dem Ergebnis recht zufrieden war, zeigte er seine weitere Entwicklung: Von der Kompakten in Gummistiefeln, ging es über Wathose und Neoprenanzug mit Brille und Schnorchel zu einem richtigen UW-Gehäuse für die 5D und entsprechenden Blitzen. Die Sequenz amüsierte das Publikum sehr. Außerdem erklärte er uns, dass ihm am Anfang nicht klar war, wie groß der Bildwinkel ist, weshalb es viele unbeabsichtigte Selfies gab. Insgesamt war der Vortrag witzig und selbstironisch und zeigte erstklassige Bilder. Bisher war das Niveau der Bilder und Vorträge sehr hoch – wir waren gespannt, wie es nach der Pause weitergehen würde.

Der Samstagnachmittag

Auch dieses Jahr standen in der Mittagspause türkische „Traditionsgerichte“ auf dem Speiseplan, die von deutschen Backwaren gekrönt wurden. So starteten wir gesättigt in den Nachmittagsblock, denn es war „Zeit für Wölfe“. Auf diesen Vortrag von Bruno D’Amicis, der mit uns „auf den Spuren eines Mythos in den Apenninen“ wandeln wollte, hatte ich mich am meisten gefreut. Er ist studierter Biologe und ILCP-Mitglied und dieses Jahr war sein 10. Mal in Lünen; seinen letzten Vortrag hier hatte er vor drei Jahren gehalten. Für dieses Projekt war D’Amicis über 300 Tage in den Apenninen unterwegs gewesen, wo 200-300 Wölfe leben. Er hatte das Glück, im Sommer einen Wolfsbau mit Welpen zu entdecken und konnte so die Familie bis in den Herbst fotografisch begleiten. Doch bis er die Familie entdeckt hatte, war es schwierig, Wölfe zu finden – man musste aufhören, wie ein Mensch zu denken und sich in einen Wolf hinein versetzen. Zum Schluss zeigte er einen kurzen Film von Rotwild und Wölfen mit Ton, den er aufgenommen hatte, als er bis tief in die Nacht in seinem Tarnzelt saß. Denn um das Zelt herum bewegten sich 5 Wölfe, die immer wieder anfingen zu heulen. Bei der Vorstellung wurde einem schon etwas anders. Ich bin einer großer Fan seiner Vortragsweise, da D’Amicis es immer wieder gelingt, dem Zuschauer seine Leidenschaft und Begeisterung für das Tier nahe zu bringen. An manchen Stellen seiner Erzählungen, z.B. als Wölfe ganz nah an ihm vorbei gezogen sind und er überglücklich war, bekam ich Gänsehaut. Fazit: Ein weiterer sehr gelungener Vortrag.

Aus dem italienischen Gebirge ging es nun nach Schottland. Mark Hamblin wollte uns zeigen, was er „Vor der Haustür“ in seinem 3800 km2 „Garten“ fotografiert. Hamblin ist Teil von 2020VISION und Wild Wonders of Europe, aber bisher immer im Hintergrund geblieben. Sein „Garten“ ist der größte Nationalpark des Vereinigten Königreichs, der Cairngorms-Nationalpark. Seeadler und Rotmilan wurden dort wieder eingeführt. In der Gegend leben rund 18.000 Menschen, die v.a. Landwirtschaft betreiben; 50% des Gebiets stehen unter Schutz. Allerdings ist die Jagd auf Moorschneehühner erlaubt, weshalb legal auch deren natürliche Prädatoren gejagt werden dürfen. Diese Jagd hat u.a. negative Auswirkungen auf Greifvögel. So würden dort natürlicherweise rund 2000 Wiesenweihenpaare einen Lebensraum finden, doch aktuell leben nur etwa 400 Paare in dem Gebiet. Was bei seinen Bildern auffiel, war, dass er oft Gegenlichtaufnahmen macht. Das sieht besonders schön aus, wenn Gräser im Hintergrund leuchten. Neben Bildern von Säugetieren und Vögeln bildeten Birk- und Schneehühner sowie Auerhahn einen Block seiner Bilder, ein weiterer zeigte Schneehasen, u.a. monochrom im Schnee. Die Bilder waren alle sehr gut, und der Vortrag reihte sich nahtlos in die Reihe hochkarätiger Vorträge ein.

Den Abschluss des Nachmittagblocks bildete laut Programmheft Stephen Dalton mit „Pionierarbeit auf dem Gebiet der Kurzzeit-Blitzfotografie“. Dass es sich dabei um die Übergabe des Fritz-Steiniger-Preises handelte, ging daraus nicht hervor. Die Laudatio hielt Stephan Fürnrohr. Stephen Dalton hat in den 70ern mit seiner Art der Fotografie begonnen, als gerade der erste Farbfilm auf den Markt kam. Doch die Technik der Kurzzeit-Blitzfotografie hat sich in all den Jahren nicht verändert, sondern nur die Kameras, mit denen er seine Bilder macht. Eines seiner Bilder eines fliegenden Insekts ist sogar an Bord von Voyager 1 und 2 und fliegt somit seit bald 40 Jahren durchs Weltall. Auch die Wissenschaft war gerade zu Beginn sehr an seinen Bildern interessiert, denn noch nie vorher hat man z.B. die Flügelhaltung beim Start einer Stubenfliege gesehen oder wie eine „Jesusechse“ über das Wasser läuft. Heute fotografiert Stephen Dalton gerne in „seinem“ Wald und wünscht sich, dass er 50 Jahre jünger wäre, um noch einmal beginnen zu können.

Der Abschluss des ersten Tages

Nach einer letzten Pause für diesen Samstag wurde der Publikumspreis überreicht, was laut Aussage der Moderatoren die Möglichkeit des Publikums ist, der Jury zu zeigen, was eigentlich der Gesamtsieger hätte sein sollen. Die diesjährigen Siegerbilder waren alle gut und für mich persönlich gab es keinen richtigen Favoriten. Publikumsliebling wurde dann auch ein Bild, das ich gar nicht auf dem Schirm gehabt hatte: „Der Wald“ von Fran Rubia. Markus Botzek brachte dann noch einen kleinen Seitenhieb auf ein Siegerbild, bei dem es „ganze ohne Glasscheibe nicht geht“. Der Publikumspreis war schneller überreicht als geplant, so dass die verbleibende Zeit bis zum letzten Vortrag des Tages unter anderem mit der Durchsage von Fußballergebnissen überbrückt wurde.

Den Abschluss des ersten Tages bildete das Projekt Wiener Wildnis mit „Wiener Wildnis“, ein Vorhaben, das ich von Anfang an verfolgt habe. 2012 schrieb ich beim Vortrag von Laurent Geslin, der sich mit der Natur in London beschäftigt hat, dass in meiner Heimatstadt ein ähnliches Projekt geplant ist – etwa zur gleichen Zeit hat auch die Wiener Wildnis begonnen und ich schrieb des Öfteren mit Georg Popp, einem der Wiener Wildnis-Fotografen. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass er bei der Aufzählung, in welchen Städten ähnliche Projekte laufen, meine Heimatstadt erwähnt hat 🙂 Doch leider ist „mein“ Projekt lange nicht so erfolgreich wie das der Wiener, was u.a. an mangelnder Beteiligung der anderen Fotografen und meiner eigenen Zeitknappheitl liegt (jeder berufstätige Hobbyfotograf wird ein Lied davon singen können). Da wir nun auch noch aus der Stadt ziehen, erachte ich das Projekt als gestorben – das waren meine Gedanken am Ende des Vortrags. Doch am nächsten Morgen kam eine beteiligte Fotografin und meinte, dass wir uns vielleicht (nach gut 2 Jahren 😉 ) mal wieder treffen sollten. Das Schicksal des Projekts ist also ungewiss. Doch nun zurück zum eigentlichen Vortrag und der Erfolgsgeschichte der Wiener Wildnis. Das Team besteht neben Verena Popp-Hackner und Georg Popp aus Marc Graf und Christine Sonvilla sowie dem Unterwasserfotografen Thomas Haider. Es gibt ein eigenes Magazin, das 4x/Jahr eine Beilage der Tageszeitung ist, und sogar eine eigene Briefmarkenserie kann das Projekt vorweisen. Des Weiteren werden „Urban Safaris“ angeboten, auf denen dem interessierten Besucher die Natur in der Stadt nähergebracht wird. Das Projekt ist in Wien so bekannt, dass das Team viele Tipps aus der Bevölkerung bekommt. Georg Popp erklärte, warum Wien für die Naturfotografie so interessant ist: So ist die Stadt z.B. an zwei Seiten von Nationalparks umgeben, wodurch Tiere nah an die Stadt kommen, und es ist das wasserreichste Bundesland in Österreich und so u.a. Lebensraum des Bibers. Ein weiterer Vorteil, den eine Stadt bietet, ist, dass es immer Licht gibt und immer bunt ist. So kann ein farbiges Licht im Hintergrund schon einmal aussehen wie die untergehende Sonne. Ein Tipp, wie man „billig“ an viele Likes auf Facebook kommt, ist das Fotografieren von Tieren mit hohem Niedlichkeitsfaktor, wie Ziesel, Feldhamster und Eichhörnchen (oder Eichkatzerln, wie der Wiener zu sagen pflegt 😉 ) Popp zeigte viele Bilder und erzählte auch einiges zu der Entstehungsgeschichte, so z.B., dass bei Füchsen und Katzen Lichtschranken zum Einsatz kamen. Zum Schluss gab es einen musikuntermalten Teil, der die besten Bilder des Projekts zeigte. Ein kleiner Wermutstropfen war, dass fast alle Bilder bereits im Verlauf des Vortrags gezeigt worden waren und nicht mehr so viel Neues zu sehen war. Es war auf jeden Fall ein schöner Vortrag mit tollen Bildern. Popp sagte zum Schluss, dass sie allen erzählen, dass Wien nicht nur wegen der Kultur ein Besuch wert ist, sondern auch wegen der Natur. Und das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen 🙂

Der Sonntagvormittag

Wie schon in den vergangenen Jahren begann das Vortragsprogramm am Sonntagmorgen mit einer Regionalgruppe; diesmal war es die Regionalgruppe IV / Niedersachsen mit „Niedersachsens Naturräume“. Florian Möllers erzählte, dass er in dieser Regionalgruppe groß geworden ist. Als er das erste Mal an einem Treffen teilnahm und seine Bilder zeigte, wurden sie zerrissen. Heute wird Kritik etwas schonender beigebracht. Die Regionalgruppe Niedersachsen ist mit 135 Mitgliedern eine sehr große Gruppe, die über ein großes Gebiet, zu dem auch Bremen gehört, verteilt ist. Am Ende standen von 28 Mitgliedern über 3000 Bilder für den Vortrag zur Verfügung. Der Vortrag startete wie ein Star Trek-Film mit derselben Melodie und dem Text, der nun auf Niedersachsen angepasst worden war. Ich fand das eine lustige Idee. Amüsant war auch die „Kräuterhexe“, die mehrmals im Vortrag gesprochen hat: Das Beste an Niedersachsen ist, … Ein Beispiel war, „dass wir uns nicht unterkriegen lassen“. Dazu sah man eine Hand, die aus einer Pfütze ragte und eine Kamera hielt, bis der ganze Fotograf aus der Pfütze kam. Im Verlauf des Vortrags gab es auch einen Dialog zweier auf einer Bank sitzenden Frauen. Leider war die Tonqualität so schlecht, dass man das Gespräch nicht verstanden hat. Die Bilder der verschiedenen Naturräume waren recht gut, doch hätte ich mir bei den namhaften Fotografen der Gruppe doch etwas mehr erwartet. Ich muss gestehen, dass die Bilder der einzelnen Naturräume oft nicht so unterschiedlich waren, als dass ich einen speziellen Naturraum hätte erkennen können – bis auf das Meer natürlich. Interessant war, dass zwei Herren in der Reihe hinter mir recht lautstark einige Interna der Gruppe zu dem Vortrag herausposaunten. Kleiner Tipp: Wenn man so etwas erzählt, dann vielleicht nicht gerade in einem vollbesetzten Saal – man weiß ja nie, wer zuhört 😉

Im Anschluss zeigte uns der Norweger Audun Rikardsen wie es aussieht, „Wenn die Arktis an deine Tür klopft…“. Dies war der zweite Vortrag über die Arktis in diesem Jahr und ich fragte mich, warum zwei Vorträge über die gleiche Region ausgewählt wurden. Doch nach dem Vortrag wusste ich es: Die beiden Vorträge zeigten unterschiedliche Bilder und Geschichten und ergänzten sich sehr gut. Rikardsen stammt aus einer Familie von Jägern und Walfängern, doch er selbst hat sich von klein auf für den Naturschutz interessiert. Heute ist er Professor für Fischbiologie und besendert z.B. Lachse und Meerforellen für Forschungszwecke. Er fotografiert erst seit wenigen Jahren, hat aber 2012 bereits einen Wettbewerb gewonnen, was ihn stark motiviert hat. Der Preis beinhaltete auch eine Reise und auf dieser lernte er seine Frau kennen 🙂 Er hat ein großes Interesse an Seeadlern, denn vor 30 Jahren hat er zusammen mit seinem Nachbarn begonnen, Seeadler zu beringen. Um zu sehen, was ein Fisch sieht, wenn er von einem Seeadler ergriffen wird, platzierte er eine GoPro in einem Fisch, der anschließend von einem Seeadler weggetragen wurde und ließ die Kamera laufen. Eine sehr lustige Idee! Rikardsen erzählte, dass Norwegen wegen Mitternachtssonne und Polarlichtern ideal zum Fotografieren ist. Große Polarlichter würden ihn jedoch langweilen, weshalb er z.B. Spilt-Aufnahmen macht: Unter Wasser Seesterne und über Wasser Polarlichter. Er fügte hinzu, dass das Bild eine Doppelbelichtung sei. Ihm ist jedoch wichtig, dass die zweite Aufnahme zur etwa gleichen Zeit am gleichen Ort gemacht wird. Für die Split-Aufnahmen hat er sich sogar selbst etwas gebastelt, denn es ist sehr schwierig, bei wenig Licht ein scharfes Bild über und unter Wasser zu bekommen. Einmal befand er sich im Wasser, um einen Orca zu fotografieren, der zwischen zwei Fischerbooten schwamm. Plötzlich kam er auf Rikardsen zu und sein einziger Gedanke war „Was mache ich mit der Kamera, wenn der Orca mich nach unten zieht?“. Doch der Orca dreht kurz vor ihm ab und alles ging gut. Die Hauptgeschichte des Vortrags erzählte von einem Walross, mit dem er sich angefreundet hatte. Nachdem Rikardsen es zusammen mit einem Freund auf einem verwesenden Walkadaver entdeckt hatte und sah, dass das Walross nicht nach 1-2 Tagen weiterzog, errichtete er dort sein mobiles Büro und blieb dort sechs Wochen. Das Walross fasste Vertrauen und ließ sich von ihm „streicheln“. Es brachte sogar Geschenke, um den Fotografen zu sich ins Wasser zu locken, worauf sich Rikardsen aber dann doch nicht einließ. In dieser Zeit sind tolle Bilder von verschiedenen Lebenssituationen des Walrosses entstanden. Rikardsen musste dann jedoch auf eine Forschungsreise gehen und 30 min, bevor er wieder zurück war, ist das Walross ins Meer und nie wieder zurückgekehrt. Es war ein toller Vortrag mit erstklassigen Bildern.

Der Sonntagmorgen – Teil 2

Nach der Kaffeepause ging es weiter mit den „Reflexionen über den Wandel in der Naturfotografie“ des Südafrikaners Heinrich van den Berg. Dieser hatte vor etwa 20 Jahren eine sehr schwere Malaria und hat, nachdem er diese überstanden hatte, sein Leben überdacht. Er war Bauingenieur, was ihm aber keinen Spaß machte und so beschloss er, das zu machen, was ihm Spaß macht -> Fotografieren. Vor gut 10 Jahren hat er dann zusätzlich eine eigene Verlagsgesellschaft gegründet und bringt Coffee-table Books heraus. Er erzählte uns Zuschauern, welche Themen er bereits in seinen Büchern abgehandelt hat (z.B. künstlerische Seite der Natur -> Formen und Farben; schwarz-weiß, aber nicht alles funktioniert in schwarz-weiß – Formen und Texturen sind gut geeignet). Seiner Meinung nach sind die Rahmenbedingungen für Fotografie dadurch einfacher geworden, dass es heutzutage Autofokus und Digitalkameras gibt und das Reisen immer einfacher wird. So sind an den Hotspots der Naturfotografie inzwischen so viele Menschen und alle haben die gleiche Ausrüstung, dass es schwierig geworden ist, neue Bilder zu kreieren. Seiner Meinung nach liegt die Zukunft der Fotografie in Videokameras, die die gleiche Auflösung wie Digitalkameras haben und 300 Bilder pro Sekunde machen, so dass man sich am Ende das perfekte Bild aussuchen kann. Wenn dann mehrere Fotografen an einem Platz stehen, wird man nicht mehr das Auslösegeräusch hören, sondern Stille. Er gab uns Zuschauern noch drei Gedanken mit auf den Weg: 1) Sei kein Fingerfotograf, sondern ein „Mind Photographer“. 2) Beurteile dein Bild nicht nur mit den Augen und höre nicht auf andere – Likes sind kein Maß für die Qualität des Bildes. 3) Man soll sich nicht zu sehr mit anderen vergleichen, sondern das Beste der anderen für sich übernehmen. Es kam noch ein größerer Abschnitt über die Arbeit in der Druckerei sowie das wie und wo er druckt inklusive eines kurzen Films. Ich muss gestehen, dass ich mir etwas mehr Bilder gewünscht hätte und weniger Infos zu seiner Art des Bücherdrucks. Die Bilder, die er gezeigt hat, waren aber allesamt sehr gut. Van den Berg meinte, dass er die Verrücktheit aus Lünen mit nach Südafrika nehmen will, wo die Fotografen wohl noch etwas konservativer sind als in Europa.

Es folgte der Kurzvortrag „Kaleidoskop Digiskopie“ von Jörg Kretzschmar. Wie der Titel schon sagt, ging es dabei nicht um Fotografieren, sondern um Digiskopieren. Wer sich schon einmal durch diverse Birdingforen geklickt, in denen „Ornis“ ihre Sichtungen mit Bild dokumentieren, kennt die Qualität, die man normalerweise mit einem Spektiv erhält. Denn es ist sehr schwierig, das Motiv manuell scharf zu stellen. Zusätzlichist es meist weit weg und die dazwischenliegende Luft ist nicht gerade qualitätsfördernd. Umso erstaunter war ich über die Bilder, die Kretzschmar zeigte: Es war alles gestochen scharf! Und sogar Flugaufnahmen hat er mit dem Spektiv aufnehmen können. Er zeigte viele Vogel- und Säugetierportraits, aber auch für Makroaufnahmen hat er das Spektiv schon verwendet. Leider war mir persönlich der Text etwas zu philosophisch, so dass ich hier abgeschaltet habe. Am Ende des Vortrags zeigte er noch einen kurzen Film über Floridas Tierwelt, den er zusammen mit einer amerikanischen Digiskopiererin erstellt hat. Von ihr stammten die Filmsequenzen, von ihm die Bilder. Ein schöner Abschluss.

Anschließend zeigten uns Jessica Winter und Christoph Kaula das „Leben in der Kolonie – Eine Saison auf den Falklandinseln“. Ich hatte bereits das Vergnügen, den Vortrag in der Langfassung beim Marburger Naturfototreffen zu sehen, so dass ich bereits wusste, dass den Zuschauer erstklassige Bilder erwarten. Die beiden waren für ein Forschungsprojekt vier Monate auf den Falklandinseln. Damit man sich das Leben bzw. die Lautstärke in der Kolonie etwas besser vorstellen kann, zeigten die beiden Bilder von Schwarzbrauen-Albatrossen und Kormoranen, die mit Originalton unterlegt waren. Das olfaktorische Erlebnis konnten sie uns (zum Glück) nicht mitbringen. Sie informierten uns darüber, dass es gar nicht so ungefährlich ist, sich in der Kolonie zu bewegen, da die Kormorane scharfe Schnäbel hätten und die beiden einige Narben davongetragen haben. Seelöwen bewegen sich normalerweise nicht bis zur Kolonie hoch, doch einer hatte es doch geschafft, weshalb die beiden der Kolonie drei Tage fern bleiben mussten, bis der Seelöwe sich wieder entfernt hatte. Doch auch außerhalb der Kolonie lauern Gefahren. Denn wenn man sich aus Versehen dem gut getarnten Nest bzw. Küken der Skuas nähert, fliegen diese Attacken. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das ganz schön beeindruckend ist, wenn so ein großer Vogel heransaust. Aber in solchen Fällen gibt es ja immer noch den „starken“ Mann an unserer Seite – der meistens nichts Besseres zu tun hat als das Geschehen zu fotografieren 😉 Es folgten Bilder von Felsenpinguinen und Falkland-Caracaras. Besonders gut gefielen mir die Weitwinkel-Aufnahmen, da sie schön das Tier in seiner Kolonie und dem gesamten Lebensraum zeigen. Allen Bildern gemein war, dass sie eine tolle Lichtstimmung hatten. Jessi und Chris haben die kurze Zeit sehr gut genutzt, um ihr fotografisches Können einem großen Publikum zu vermitteln. So ist Jessi auch verdientermaßen mit einem Bild des Schwarzbrauen-Albatros beim GDT Naturfotografen des Jahres 2015 vertreten.

Der Sonntagnachmittag

Nach der Mittagspause, die wiederum im Zeichen der türkischen Küche stand, ging es bei den Vorträgen auf die Zielgerade. Den vorletzen Vortrag des diesjährigen Festivals präsentierte der Holländer Paul Klaver mit „Die Kunst des Zeitraffers – Kreatives Arbeiten mit Time Lapse“.  Hat bei dem holländischen Film „De Nieuwe Wildernis“ mitgewirkt und war hier für Time Lapse-Sequenzen zuständig. Der Film wurde in einem Nationalpark gedreht, der 30 min von Amsterdam entfernt ist und in dem rund 30.000 Stück Rotwild und etwa 1000 Konikponies leben. Klaver erklärte, dass Time Lapse eigentlich recht einfach ist. Dafür, dass es dann abläuft wie ein Film benötigt man 25 Bilder pro Sekunde. Der Vorteil von Time Lapse gegenüber Film ist, dass man Vorgänge, die in echt sehr langsam vonstattengehen, mit dieser Technik innerhalb eines kurzen Zeitraums zeigen kann, wie z.B. das Wachsen oder Blühen von Pflanzen. Diese Szenen hat er jedoch im Studio aufgenommen, denn wenn man über 2-3 Tage alle 2 Minuten ein Foto macht, braucht man optimale Bedingungen, u.a. Windstille. Zu der Zeit des Filmdrehs herrschte in Holland ein strenger Winter, was sehr gut war, denn so konnte er das Entstehen bzw. Schmelzen von Eis darstellen oder zeigen, wie ein toter Eisvogel langsam eingeschneit wurde. Bei den meisten seiner Sequenzen blieb die Kamera nicht stationär, sondern bewegte sich langsam in eine Richtung, was dem Ganzen noch einmal zusätzlich Dynamik verlieh. Klaver erzählte uns, dass seine Kamera inzwischen über 1 Millionen Auslösungen hat – kein Wunder bei den notwendigen Bildmengen. Für Time Lapse sollte man laut ihm in etwa wissen, wie lange das zu fotografierende Ereignis dauert. Dauert es fünf Minuten, macht er sekündlich ein Bild, dauert es zehn Minuten, wird alle zwei Sekunden ein Bild geschossen und so weiter. Des Weiteren empfiehlt es sich, wenn man über einen sehr langen Zeitraum fotografiert, bei dem sich die Lichtverhältnisse ändern, mit der Zeitautomatik zu arbeiten. Neben diesen technischen Tipps kamen aber die Sequenzen nicht zu kurz; besonders cool fand ich die Sequenzen der verschiedenen Unwetter. Inzwischen arbeiten er und das Team an einem neuen Film über die Friesischen Inseln und er gewährte uns einen exklusiven Einblick in das neue Werk. Ich fand den Vortrag sehr gelungen und es war auch schön, dass es einen Beitrag mit „bewegten Bildern“ gab.

Da die Veranstalter ja möchten, dass die Leute bis zum Ende des Festivals bleiben, muss als letzter Vortrag natürlich noch mal ein Highlight kommen. Dieses Jahr war es mal wieder Klaus Nigge, dessen Vortragsweise mir immer sehr gut gefällt. Bei der Ankündigung wurde er als „Karl May der Naturfotografie“ bezeichnet, der immer was Extremes macht. Nigge meinte anschließend, dass sich das fast wie ein Abgesang und der Eintritt ins Rentenalter anhört. In seiner „Story Obsession – Gedanken zur Naturfotografie“ erzählte er fünf kleine Geschichten. Die erste handelte von Flamingos auf Yucatán, die er für ILCP vier Tage lang fotografierte. Nigge verglich diese mit unseren Kranichen: Es gibt große Massen, sie sind laut und sie haben Schlafplätze. Die Geschichte war seiner Meinung nach schön: Einfach, schön und unpolitisch. Es gab Applaus, den Nigge jedoch gleich unterbrach. Er meinte, dass er eh überziehen werde, weshalb man sich das Klatschen sparen sollte. Die nächste Geschichte ging über Weißkopfseeadler. Er hatte noch die ganze Nacht an seinem Vortrag gearbeitet und sich viele Zettel geschrieben – doch nun fand er den richtigen Zettel nicht mehr, so dass es auch für ihne spannend war, was als nächstes kam. Nigge erklärte dem Publikum, dass Verlage sich schwer tun, eine Story zu erstellen, deshalb wäre es sinnvoll, eine Geschichte vorzugeben. Am Ende dieser Geschichte zeigte er uns eine musikuntermalte Sequenz seiner Seeadlerbilder, so wie sie in Perpignan bei einem Festival von Fotojournalisten gezeigt wurde. Dort war er als einziger Naturfotograf vertreten. Die dritte Geschichte handelte von Eisvogelfotografie. Er kennt Margret Bunzel, eine Naturschützerin, die in ihrem Leben schon mehrere Tausende Eisvögel beringt hat und entsprechend viele Reviere kennt. Wenn Nigge doch mal einen unberingten Eisvogel fotografiert hatte, konnte er sicher sein, dass der Vogel am nächsten Tag einen Ring hatte. Er verbrachte viele Tage im Tarnzelt und fotografierte unter kontrollierten Bedingungen. Der Expertin war dabei wichtig, dass die Fischarten verfüttert werden, die auch tatsächlich in dem Gewässer vorkommen. Nigge erklärte, dass er momentan Gefallen an schlichten Bildern findet. Er stellte die Zwischenfrage ins Publikum, wie er denn in der Zeit läge, woraufhin Winfried Wisniewski von der Loge aus antwortete, dass Nigge schon fertig sei. Dies führte zu allgemeiner Erheiterung bei den Zuschauern. Hier mal eine kurzer Einschub von meiner Seite: Bei vielen Eisvogelbildern, so auch hier, frage ich mich, wieso eigentlich generell so dicke Ansitzäste verwendet werden. Bei einem so kleinen Vogel würden etwas filigranere Äste meist besser wirken. Weiter ging es mit Geschichte Nummer Vier: „Fritz Pölking, Tante Agathas Garten und der Specht“. Laut Nigge hat sich Fritz Pölking zwei Mal in seinem Leben geirrt, denn er meinte, wer einmal Riesenseeadler auf Kamtschatka fotografiert hat, ist für die Blaumeise am Futterhaus versaut. Nigge aber fand Gefallen daran, in Tante Agathas Garten, den er geerbt und der sich zur „großen“ Freude der Nachbarn inzwischen zu einem Urwald entwickelt hatte, Buntspechte an der Bruthöhle zu fotografieren. Dafür baute er sich eine Plattform in einen gegenüberliegenden Baum, um auf Augenhöhe fotografieren zu können. Das Schönste war, als er eines Tages vier Spechte gleichzeitig an dem Baum ablichten konnte.  Wieder ein kleiner Einschub von mir: Wenn der Garten mir gehörte, hätte ich diesen einen störenden Ast im Hintergrund abgesägt 😉 Die letzte Geschichte war ein Nachtrag zu seiner Story über Saiga-Antilopen, die er bei seinem letzten Vortrag vorgestellt hatte. Im März diesen Jahres sind innerhalb von vier Tagen rund 60.000 Saiga-Antilopen gestorben, was einem Viertel der gesamten Population entspricht. Hierzu gab es diverse Verschwörungstheorien, aber es hatte wohl eine natürliche Ursache. Seine Geschichte über diese Antilopen wurde am Ende doch nicht von dem Verlag gedruckt – der Grund ist im unbekannt. Nigges Theorie ist, dass es für den Redakteur visuell nicht spektakulär genug war. Außerdem gibt es seiner Meinung nach die Tendenz, dass jede Geschichte eine Verbindung zum Menschen und Abenteuer braucht. Die Geschichte wurde letztendlich mit dem Titel „Herr Nigge sucht eine Antilope“ von einem anderen Verlag veröffentlicht. Wenn  man von der Fotografie leben will, rät er dazu, Leoparden, Elefanten oder Tiger zu fotografieren. Doch es gibt Geschichten, die erzählt werden müssen, auch wenn sie visuell nicht so interessant sind! Der wie immer sehr gut erzählte Vortrag, der auch zum Nachdenken anregte, ging mit etwas Verspätung zu Ende, doch das Überziehen nahm ihm sicher keiner übel.

Es folgte der Festival-Ausklang mit seinen üblichen Danksagungen, Shake Hands und Blumensträußen. Am Ende sollten auch noch einmal alle Referenten auf die Bühne kommen, denn auch sie sollten ein Geschenk erhalten, das Michael Lohmann auch gleich vorführte. Es handelte sich um eine Stirnlampe, die er sich aufsetzte. Das erheiterte einen Teil der GDT-Jugendgruppe so sehr (oder ist der lauteste Lacher sogar schon zu alt dafür? ;-)), dass sie einen Lachkrampf bekamen, der doch recht ansteckend war.

 

Fazit

Auf den Punkt gebracht war es ein tolles Wochenende, bei dem alle Vorträge ein sehr hohes Niveau hatten – das hat es die letzten beiden Jahre in dieser Form nicht gegeben. Ein Kompliment an diejenigen, die die Referenten ausgesucht haben. Ich muss jedoch gestehen, dass ich an diesem Wochenende den Kopf mit vielen anderen Dingen voll hatte, so dass es für mich persönlich eine ziemliche Reizüberflutung war und ich mich, sehr zu meinem Leidwesen, nicht richtig auf die Vorträge konzentrieren konnte (was man vielleicht auch an der ein oder anderen Stelle im Bericht merkt). Michael Lohmann hat beim Ausklang des Festivals erklärt, dass die GDT den Referenten in Zukunft ein Honorar zahlen wird. Das bedeutet sicherlich auch, dass sich der Preis der Eintrittskarten erhöhen wird. Meine erste Idee war deshalb, ob man nicht vielleicht pro Tag einen Vortrag weniger einplant (-> geringere Kosten) und stattdessen die Pausen verlängert. So hätte man als Besucher etwas mehr Zeit, die vielen Ausstellungen in Ruhe anzuschauen, über den Fotomarkt zu schlendern und sich mit anderen Fotografen zu unterhalten. Im Moment ist dies eigentlich nur möglich, wenn man Vorträge ausfallen lässt oder auf das Mittagessen verzichtet.

Schön fand ich, dass fast alle Vorträge vor der Haustüre der Fotografen entstanden sind. Das zeigt einmal mehr, dass man nicht unbedingt weit weg reisen muss, um schöne Bilder zu machen – was mich aber nicht davon abhalten wird, weiterhin viele Reisen zu unternehmen 😉 Des Weiteren sind die meisten Bilder auch mit „normaler“ Ausrüstung entstanden (vorausgesetzt, man kann die Unterwasser-Ausrüstung als „normal“ bezeichnen) und nicht so hochtechnisiert, wie das als in den Jahren zuvor gezeigt wurde. Bei dem Vortrag der Regionalgruppe habe ich zum ersten Mal hier in Lünen gesehen, dass auch eine Filmsequenz zum Einsatz kam, die mit einem Kopter aufgenommen wurde. Ich bin gespannt, ob wir Zuschauer das in Zukunft öfter bei Vorträgen sehen werden, egal, ob es sich dabei um Luftbilder oder eben Filme handelt. Mir fiel auch auf, dass dieses Jahr erneut fast alle Vorträge gesprochen wurden, musikuntermalte „Bildershows“ waren die Ausnahme. Die Vorträge sind zwar informativer, aber als Zuschauer muss man sich ziemlich konzentrieren, insbesondere wenn der Großteil der Vorträge auf Englisch ist. Die Vorträge, bei denen Erzählungen und musikuntermalte Sequenzen sich abwechseln, sind meiner Meinung nach meistens am entspannendsten. Wobei ich dieses Jahr ehrlich gesagt keine der Geschichten hätte missen möchten. Ein Patentrezept gibt es also nicht 😉

Letztes Jahr hatte man noch komplett auf Übersetzungen der englischen Vorträge verzichtet, was zu großem Unmut bei vielen Zuschauern geführt hat. Dieses Jahr wurde deshalb wieder jeder Vortrag von Florian Möllers übersetzt (und teilweise mit lustigen Sprüchen ergänzt). Ich habe dieses Jahr auch keine Kritiken über die englischsprachigen Vorträge mitbekommen.

Und wie schon die letzten 11 Jahre werden wir sicher auch nächstes Jahr wieder dabei sein, wenn es heißt „Lust auf Lünen“!

 

Dies und das

Die größte Neuerung dieses Jahr war, dass der Fotomarkt nicht an seinem gewohnten Platz stattfand, sondern in der Rundturnhalle. So gab es nicht nur Stände der „üblichen“ Kamera- und Stativhersteller, Buch-, Reise- und Fotozubehöranbieter, sondern z.B. auch einen Anbieter eines Floating Hides oder auch Marken, die in den letzten Jahren nicht vertreten waren. Bei der Festivaleröffnung erzählte Michael Lohmann noch, dass die Anbieter Angst hätten, dass nicht so viele Besucher in die – laut Florian Möllers 1 min 12 sec entfernte – Halle kommen würden. Am Ende des Festivals waren jedoch alle Anbieter sehr zufrieden mit der Akzeptanz der neuen Location. Das könnte auch daran liegen, dass es in der Halle einen Stand mit Kaffeespezialitäten und süßen Teilchen und vor der Halle einen Wagen mit Würstchen, Pommes & Co. gab, die beide rege aufgesucht wurden. Der nun frei gewordene Platz im Erdgeschoss des Theaters wurde für eine Bilderausstellung diverser Fotografen genutzt. Dadurch, dass die Wände, die den Fotomarkt vom Essbereich getrennt hatten, nun entfernt wurden, wirkte das ganze Erdgeschoss sehr viel größer und freundlicher. Leider kam ich irgendwie nicht dazu, mir die Bilder anzuschauen. Da ich generell wenig Zeit hatte, mir die ausgestellten Bilder anzuschauen (und davon gab es einige: Bilder des GDT-internen Wettbewerbs, die des ENJ, die bereits erwähnten Bilder auf der Fläche des „alten“ Fotomarkts und die der GDT-Jugendgruppe auf der Empore der Rundturnhalle), finde ich es schade, dass bei den Siegerbildern auf der GDT-Homepage nicht zumindest der deutsche Text und die technischen Daten zusätzlich zum Namen des Fotografens und zum Bildtitel angegeben sind. Gibt es hierfür technische Gründe? Die Namensschilder sind ja inzwischen schon Tradition geworden. Doch leider sind die Eintrittskarten noch immer größer als die Halter der Namenschilder, so dass man diese nur durch Umknicken, Abschneiden oder -reißen in das passende Format bekommt. Einfacher haben es da die Referenten und Gewinner des ENJ, denn deren Umhängeschilder sind so groß, dass die Eintrittskarte locker dort verstaut werden kann. Wenn man nächstes Jahr die Eintrittskarten an das Format der „normalen“ Namensschilder anpassen könnte, wäre das optimal. Etwas ärgerlich finde ich ja (und einige andere Betroffene sicher auch), dass die Stadt Lünen an diesem Wochenende immer Strafzettel auf dem Parkplatz verteilt. Laut Kulturdezernent ist das Naturfoto-Festival mit ein Highlight für die Stadt Lünen. Doch den Besuchern wird die Freude durch die Knöllchen jedes Mal etwas getrübt. Es ist ja ok, wenn sie diese an Autofahrer verteilen, die verbotenerweise auf Behindertenparkplätzen stehen oder Feuerwehreinfahrten blockieren, aber nur für das Stehen auf einer „nicht-markierten“ Fläche finde ich das etwas albern. Die Besucher bringen so viel Geld in die Stadt, dass man hier doch etwas großzügiger sein könnte. Besonders, da es ja auch keine wirklichen Alternativen zum Parken gibt.

Herzlichen Dank an Mathias Schäf für das Korrekturlesen und die Unterstützung beim Erstellen der Fotos !

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